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Text von Dienstag, 7. Dezember 2004

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 Gesteigerte Ängste: Studie zu Fremdenfeindlichkeit 
 Marburg * (fjh/pm)
Die neuesten Ergebnisse des Projekts "Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" haben die beteiligten Wissenschaftler am Donnerstag (2. Dezember) in den Räumen der Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin vorgestellt. Auf die Mitwirkung des Marburger Psychologen Prof. Ulrich Wagner hat die Philipps-Universität am Dienstag (7. Dezember) hingewiesen.
Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit umfasst unter anderem Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Islamphobie.
Zum dritten Mal wurde anhand einer jährlichen repräsentativen Befragung von 3.000 Personen ermittelt, wie sich Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit entwickelt und was die Ursachen für die Ablehnung von "Abweichlern" sind. Die Ergebnisse wurden am Donnerstagvormittag präsentiert und durch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse kommentiert.
Die Federführung des Projekts hat Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer vom Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Die Finanzierung übernimmt ein Stifterkonsortium unter Federführung der VolkswagenStiftung mit Beteiligung der Möllgaard- und Freudenberg-Stiftung, der ZEIT und des Suhrkamp-Verlags. Neben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universitäten Bielefeld und Marburg sind auch die Universitäten Göttingen und Gießen beteiligt.
Ein Vergleich über die Jahre 2002, 2003 und 2004 zeigt, dass die Abwertung durch Vorurteile im Zeitraum vom 2003 bis 2004 insgesamt weniger stark zugenommen hat als im Vorjahreszeitraum. Fremdenfeindlichkeit ist über die drei Messzeitpunkte hinweg allerdings kontinuierlich gestiegen.
Auffällig für die Fremdenfeindlichkeit ist, dass inzwischen 60 Prozent der Befragten der Auffassung sind, dass zu viele Ausländer in Deutschland leben. Der Forderung, dass Ausländer wieder in ihre Heimat zurückgeschickt werden sollen, wenn die Arbeitsplätze knapp werden, stimmen mittlerweile 36 Prozent zu. Im Jahr 2002 teilten noch 27 Prozent der Befragten diese Ansicht. Der Gesamtanstieg der Fremdenfeindlichkeit ist insbesondere auf Personen zurückzuführen, die sich selbst der politischen Mitte zuordnen.
Die Ergebnisse der Befragung sind nachzulesen im dritten Band der "Deutschen Zustände", die am Mittwoch (15. Dezember) im Frankfurter Suhrkamp-Verlag erscheinen werden.
Die am Projekt beteiligten Marburger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler - Prof. Dr. Ulrich Wagner, Sozialpsychologe am Fachbereich Psychologie und Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Konfliktforschung an der Philipps-Universität, sowie die Diplom-Psychologen Hinna Wolf und Oliver Christ - haben sich insbesondere mit der Frage nach den möglichen Ursachen für die Entstehung von Fremdenfeindlichkeit befasst. Sie können zeigen, dass Ablehnung von Fremden insbesondere dann entsteht, wenn Menschen sich von Fremden bedroht fühlen. Angst vor Fremden geht nach den Befunden aber in der Regel nicht auf eigene negative Erfahrungen mit Fremden zurück - ganz im Gegenteil: Diejenigen Befragten, die über Kontakte mit Ausländern berichten und ausländische Freunde haben, zeigen weniger Zurückweisung und Fremdenfeindlichkeit.
Angst vor Fremden ist nach den Daten der repräsentativen Befragung auch nahezu unabhängig davon, ob viele ausländische Menschen in der Nachbarschaft leben oder nicht. Ganz offensichtlich gibt es also andere Quellen, die Fremdenangst und - als Folge davon - auch Fremdenfeindlichkeit schüren.
"Eine Erklärung dafür", erläuterte Wagner, "ist die Behandlung des Themas Zuwanderung durch Teile der Politik und der Medien. Aktuell erleben wir, dass die Diskussion, die durch die Ermordung des Niederländischen Künstlers Theo van Gogh ausgelöst wurde, dazu beiträgt, Ängste zu schüren."
Ein Land, das - wie die Bundesrepublik - seit Jahrzehnten Einwanderungsland sei , müsse sich dringend mit der Frage befassen, was es von Einwanderern erwartet und welche Chancen es Einwanderern bieten will. Wenn dies aber, wie es im Moment geschehe, dazu genutzt werde, undifferenziert Ängste gegen nahezu jedermann zu entwickeln, der oder die nicht-christlichen Glaubens ist und man damit den Eindruck erwecke, dass alle Muslime militante islamistische Extremisten seien, dann trage das zu Fremdenfeindlichkeit bei.
 
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