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Text von Dienstag, 22. Juni 2004

> b i l d u n g<
  
 Immunsystem: Infizierte Zellen funken "SOS" 
 Marburg * (fjh/pm)
Durch welche Mechanismen wird das Immunsystem aktiviert, wenn Zellen zugrundegehen oder Krankheitserreger in den Körper eindringen? Diesem grundlegenden Problem der Immunologie gehen Wissenschaftler des Fachbereichs Medizin der Philipps-Universität nach. Ihre Arbeit wurde am Dienstag (22. Juni) in der US-amerikanischen Fachzeitschrift "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) veröff.entlicht.
In einem gemeinsamen Forschungsprojekt haben die Arbeitsgruppen um Prof. Jürgen Daut vom Institut für Normale und Pathologische Physiologie und Prof. Klaus Heeg vom Institut für Mikrobiologie die Rolle von "Alarmsignalen" bei der Steuerung des Immunsystems untersucht.
Die Forschungsergebnisse legen den Schluss nahe, dass die Freisetzung von Adenosintriphosphat (ATP) aus geschädigten oder infizierten Zellen ein Alarmsignal darstellt, das über eine komplexe Signalkaskade zu einer Aktivierung des Immunsystems führt.
Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass die Qualität und das Ausmaß der Immunantwort auf körperfremde Substanzen (Antigene) durch die Kombination von sogenannten Infektionssignalen und Alarmsignalen wie der Freisetzung von ATP gesteuert wird.
Viele zelluläre Mechanismen, die an der Immunabwehr beteiligt sind, kennen die Forscher inzwischen. Doch die wesentliche Frage wird immer noch diskutiert: Welche Prozesse lösen letztendlich die Immunantwort des Körpers aus? Diese Prozesse sind komplex, denn die der jeweiligen Situation angemessene Antwort ist eine Gratwanderung: Um Infektionen bekämpfen zu können, muss das Immunsystem zunächst körpereigene Substanzen und körperfremde Substanzen unterscheiden. Es muss zuverlässig auf Krankheitserreger reagieren, darf jedoch auf keinen Fall durch körpereigene Proteine aktiviert werden, weil es dann zu Autoimmunkrankeiten wie zum Beispiel Myasthenie oder Multiple Sklerose kommen kann.
Andererseits dürfen bestimmte körperfremde Substanzen nicht zu einer Aktivierung des Immunsystems führen: Zum Beispiel muss sich das Immunsystem gegenüber apathogenen (nicht krankheitserregenden) Keimen im Magen-Darm-Trakt oder Fremdproteinen des Embryos im Mutterleib "tolerant" verhalten.
Die jetzt veröffentlichten Resultate der Marburger Wissenschaftler, die mit kultivierten Zellen (in vitro) - nicht im intakten Organismus (in vivo) - gewonnen wurden, deuten darauf hin, dass die Entscheidung des Immunsystems zwischen aktiver Immunantwort oder Toleranz wesentlich davon abhängt, ob ein Alarmsignal wie ATP im Raum außerhalb der Zellen vorhanden ist oder nicht. Sollten sich diese Ergebnisse in vivo bestätigen, wäre damit ein wichtiger Fortschritt bei einem der grundlegenden Probleme der Immunologie erzielt.
 
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