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Text von Freitag, 20. Februar 2004


 
Zeller-Zeugnisse: Gelehrtenleben im 19. Jahrhundert
  Marburg * (vic)
Wie war es so im 19. Jahrhundert in Marburg? Diese und andere Fragen wurden am Donnerstag (19. Februar) im Philippshaus beantwortet. Der Verein "Philosophia" veranstaltete dort einen Vortrag unter dem Titel "gelehrtenleben des 19. Jahrhunderts". Dabei trug Dr. Margret Lemberg einige Briefe vor, die sich intensiv mit dem Leben von Eduard Zeller (1814-1908) befassten.
Es handelt sich um einen Briefwechsel zwischen dem Philosophen und Teologen Eduard Zeller und dem Historiker Heinrich von Sybel. 150 Briefe haben die beiden Freunde dabei ausgetauscht. Die Referentin will diese Briefe in nächster Zeit in einem eigenen Buch - mit Kommentaren und Erläuterungen versehen - veröffentlichen.
Das philosophische und teologische Wirken Zellers spielte im Vortrag aber eine eher untergeordnete Rolle. Vielmehr ging es um sein Leben in Marburg sowie um sein soziales und kulturelles Engagement. Neben dem Vorlesen einiger Briefe beschrieb Lemberg in ihrem Vortrag, wie die Marburger um 1850 gelebt haben.
In jener Zeit hatte Marburg nur etwa 8.000 Einwohner. Es gab fast nur einheimische Studenten an der Philipps-Universität. Die Vorlesungen wurden noch beim Professor zuhause gehalten. Jeder der Hochschullehrer hatte dabei nur 8 Studenten zu betreuen.
Genauso erging es auch Zeller , der 1849 als Philosophieprofessor nach Marburg kam. Seine Marburger Zeit dauerte 13 Jahre, ehe er 1862 die Stadt wieder verließ.
Sein Briefwechsel mit von Sybel zeigt die politischen, gesellschaftlichen und Kulturellen Verhältnisse auf, die durch die Revolution von 1848 geprägt waren. Alle Themen wurden in den Briefen zwischen den beiden Gelehrten erörtert: Von beruflichen Dingen über den damaligen Marburger "Klatsch und Tratsch" bis zu Familiärem.
Als Zeller 1849 nach Marburg kam, wohnte er für sieben Jahre mit von Sybel im gleichen Haus. Das Lag, wie die Referentin ausführte, "Gegenüber dem Parkplatz Ahrens... in der Oberstadt".
Obwohl Zeller auch Teologe war, erhielt er seine Lehranstellungen immer für das Fach Philosophie. Das hinderte ihn freilich nicht daran, seine teologischen Ansichten zu verbreiten. Zeller legte ein ganz neues teologisches Denken an den Tag. Er erkannte zwar prinzipiell die Richtigkeit der "Botschaften der vier Evangelisten" an. Er bemerkte aber, das das "drumherum" durch viele Mythen und Geschichten ausgeschmückt worden sei, die man nicht wörtlich nehmen, sondern interpretieren müsse.
Diese Einstellung brachte ihm unter konservativen Politikern und Geistlichen des 19. Jahrhunderts eine große Gegnerschaft ein. Unter liberalen Geistern der Zeit erfreute er sich dagegen größter Beliebtheit. Somit war Zeller als Philosoph anerkannt, als Teologe aber umstritten.
Neben seinem Beruf als Hochschullehrer widmete sich Zeller auch anderen Aktivitäten. Sein soziales Engagement wurde von der Referentin besonders hervorgehoben: Gemeinsam mit einigen Gelehrten gründete er 1854 einen Armenverein, der 12 Jahre lang bestand. Dabei wurde Marburg in verschiedene Zuständigkeitszonen unterteilt. Zeller war für den Hirschberg und die Reitgasse zuständig. Die Marburger Bettler sollten nicht mehr auf den Straßen betteln, sondern wurden nun durch den Armenverein betreut und unterstützt. Dabei gab jeder Bürger so viel Geld an den Verein, wie er sonst einem Bettler gegeben hätte. Mit diesen Spenden organisierte der Armenverein die soziale Versorgung der Marburger Bettler.
Die Bandbreite der Themen in den Briefen der beiden Männer ist enorm groß: Seitenlange Briefe mit Philosophischen Abhandlungen waren ebenso vorhanden wie sehr kleine "kurznachrichten", sozusagen eine "SMS des 19. Jahrhunderts", wie dieses abschließende Beispiel zeigt: "Komme heute abend nicht zum Essen, wegen Erkältung."
 
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