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Text von Dienstag, 20. April 2004

 
Eindrücke: Erschrocken, beunruhigt, beeindruckt
  Marburg * (vic)
Wie ist die Situation von Menschen mit geistiger Behinderung in Osteuropa? Wie wird sich die Osterweiterung der Europäischen Union (EU) darauf auswirken?
Diese Fragen wurden bei einem Pressegespräch der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung (BVLH) am Dienstag (20. April) erörtert. Anlass war die gleichzeitig stattfindende internationale Tagung "Chancen für behinderte Menschen und ihre Familien durch die EU-Osterweiterung".
Lebenshilfe-Bundesgeschäftsführer Dr. Bernhard Conrads hob hervor, dass es seit dem Fall des "Eisernen Vorhangs" vielfältige Kontakte nach Osteuropa gebe. Darunter seien Gruppen aus Tschechien, der Slowakei, Russland, Weißrussland und der Ukraine, die sich für geistig behinderte Menschen einsetzen.
Als er anfang der 90er Jahre diese Länder besucht habe, um sich über die Situation der geistig behinderten zu informieren, sei er zunächst etwas geschockt gewesen: "Ich war erschrocken, beunruhigt, beeindruckt", sagte Conrads.
Erschreckt habe ihn die Lebenssituation der Menschen, die dort in "Großanstalten" ohne Privatssphäre und Selbstbestimmung gelebt hätten. Beunruhigt war er darüber, dass im Umgang mit ihnen die Behinderung immer als Makel negativ hervorgehoben wurde, ohne positive Aspekte zu sehen. Beeindruckt habe ihn aber das Engagement der Menschen, die sich der Behinderten annahmen.
Die Zustände hätten sich zwar verbessert, aber noch nicht genug. Deshalb fördere die Aktion Mensch (AM) Projekte zwischen Hilfsorganisationen für Behinderte aus Deutschland und aus Osteuropa. Die Lebenshilfe habe schon derartige Projekte mit Organisationen aus der Ukraine und Weißrussland begonnen, berichtete Conrads.
Auch auf Europäischer Ebene haben sich Organisationen zum Europäischen Behindertenverband "Inclusion Europe" zusammengeschlossen. Der Organisation, die ihren Sitz in Brüssel hat, gehören neben der Lebenshilfe noch Gruppierungen aus England, Frankreich und Portugal an.
Barbora Uhlirova von "inclusion Europe" berichtete von den Aktivitäten der Gruppe. So wurde eine Broschüre und entsprechendes Unterrichtsmaterial für die Schulen entwickelt, um in möglichst einfachen Worten den geistig behinderten Menschen die EU-Osterweiterung und ihre Folgen näherzubringen. Das Material wurde für verschiedene Lernstufen konzipiert.
Ferner wurde eine Ausstellung erarbeitet, die sich mit der konkreten Lebenssituation behinderter Menschen aus Osteuropa beschäftigt. Die Ausstellung wurde von Uhlirova zur Tagung mitgebracht und konnte dort besichtigt werden. Sie umfaßt die Bereiche der Wohnsituation, Schule, Arbeit und Freizeitgestaltung.
Bei der Unterbringung in "Großanstalten" könne von selbstbestimmtem Leben noch keine Rede sein. Auch von Integration in Schule und Beruf sei man dort noch weit entfernt, wie die Vertreter der Hilfsorganisationen betonten.
Die anwesenden Vertreterinen aus Tschechien und der Slowakei hoben aber auch die bereits gemachten Fortschritte hervor. Schließlich gebe es dort auch viele neue Hilfsorganisationen, die sich für geistig behinderte Menschen einsetzen. Dieses Engagement müsse aber von der EU nach der Erweiterung weiter gefördert werden.
Zur Festlegung eines Mindeststandarts für geistig behinderte Menschen haben die Vereinten Nationen Regeln verabschiedet. Sie sind aber nicht bindend, sondern eher als moralische Mahnung zu verstehen, wie Conrads einschränkend anfügte.
In der EU-Verfassung werden auch geistig behinderte Menschen garantierte Grundrechte bekommen. Ferner habe die EU ihre Mitgliedsstaaten zur Verabschiedung von Antidiskriminierungsgesetzen aufgerufen. In Deutschland sei die Diskussion über ein privatrechtliches Gleichstellungsgesetz noch in vollem Gange.
Die anwesenden Vertreter der Hilfsorganisationen hoffen, das sich die Lage der geistig behinderten in Osteuropa nach der Erweiterung der EU weiterhin schrittweise verbessern wird.
 
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