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Text von Freitag, 10. Dezember 2004

> p o l i t i k<
  
 Fernes Ziel: Nicaraguas Traum vom Tourismus 
 Marburg * (atn)
Das zentralamerikanische Land Nicaragua war am Donnerstag (9. Dezember) Thema im Marburger Weltladen. Dirk Hadtstein referierte in einem etwas blassen Vortrag über den kleinen facettenreichen Staat zwischen Atlantik und Pazifik. Die Veranstaltung war Teil der Reihe "Marburger Forum für entwicklungspolitische und interkulturelle Fragen" in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft "Arbeit und Leben" des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) und der Volkshochschule (VHS).
Der gelernte Förster und Landschaftsplaner Hadtstein ist von 2002 bis 2004 für den Deutschen Entwicklungsdienst (DED) in San Juan del Sur im Südwesten Nicaraguas tätig. Bevor er über sein Projekt und seine Erfahrungen berichtete, gab er einen ausführlichen Überblick über die inneren Strukturen des größten der mittelamerikanischen Staaten.
Das "Land der Seen und Vulkane" ist ungefähr sechsmal so groß wie Hessen. Es gliedert sich in einen dicht bewohnten Westen und einen dünn besiedelten Osten. Eine negative Handelsbilanz und rasches Bevölkerungswachstum bringen mehrere Probleme mit sich.
So hängt Nicaragua am finanziellen Tropf der USA. Seine - zumeist äußerst korrupten - Politiker sind ihren US-amerikanischen Kollegen dementsprechend bedingungslos ergeben.
Drei Viertel der Bevölkerung können ihre täglichen Grundbedürfnisse nicht befriedigen. Knapp ein Drittel ist unterernährt.
Wenn man von Hadtstein erfährt, dass sich in Nicaragua internationale Hilfsorganisationen beinahe gegenseitig auf die Füße treten, fragt man sich, wem die rund 900 Millionen US-Dollar Entwicklungshilfe zugute kommen. Bei einer Einwohnerzahl von 4,8 Millionen könnte schon jeder "Nica" Millionär sein. Tatsächlich gibt es jedoch eine sehr ungleiche Einkommensverteilung und die Schere zwischen arm und reich ist enorm weit geöffnet.
Zusätzlich hat Nicaragua mit zahlreichen Umweltproblemen zu kämpfen. Durch Rodungen sind nur noch 27% der Waldfläche vorhanden. Es kommt zu starken Erosionen. Die Niederschlagsmenge ist in den letzten Jahren um die Hälfte zurückgegangen, was zu Missernten führt. Umweltverschmutzung tut ihr Übriges.
Dennoch rechnet sich Nicaragua große Chancen mit dem Tourismus aus. Als touristisches Potential sind das angenehme Klima, günstige Preise, die Nähe zu den USA, Bade- und Wassersportparadiese und wilde Natur zu nennen.
Hadtstein kam nach diesem Überblick auf sein Projekt in San Juan del Sur zu sprechen. Das Touristenstädtchen betreibt "nachhaltigen Tourismus". Das ist das Zauberwort, mit dem man beschreibt, dass Tourismus sowohl sozial und kulturell als auch ökologisch und ökonomisch verkraftbar ist.
Das Ziel von Hadtsteins Projekt war die Unterstützung der ortsansässigen Gemeindeverwaltung in ihrer Funktion als Planungsinstanz. Da dieses Projekt auf Initiative des DED von einem findigen Deutschen ersonnen wurde, stieß Hadtstein bei seiner Ankunft in der kleinen Stadt auf einen wenig motivierten Bürgermeister.
Der Landschaftsplaner konnte dennoch einige Projekte ins Leben rufen und partizipatorische Strukturen in der Bevölkerung verbreiten. Vieles scheiterte jedoch an jenem Bürgermeister, der besser zu wissen schien, was seiner Gemeinde - oder seiner Geldbörse - gut tut.
Hadtstein resümierte, dass sein Projekt größtenteils gescheitert sei. Eine deutsche Struktur wie ein Landschaftsnutzungsplan sei in einem Land wie Nicaragua völlig fehl am Platze und werde von der Bevölkerung schwer akzeptiert.
Dennoch sei er froh, diese Erfahrung gemacht zu haben. Besonders habe er sich an der Freundlichkeit und Offenheit der Bevölkerung erfreut und das gemeinsame Leben mit den "Nicas" genossen.
Die überschaubare Runde im Weltladen lies genug Gelegenheit für Fragen. Mit zwei Stunden war der Vortrag zwar leider etwas lang und zäh. Dennoch bereicherte es, von Hadtsteins Erlebnissen zu erfahren .
 
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