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Text von Montag, 4. Oktober 2004

> p o l i t i k<
  
 Macht und Ohnmacht: Siebte Demo gegen Sozialabbau 
 Marburg * (fjh)
Das Thema "Macht und Ohnmacht von Protestbewegungen" stand im Mittelpunkt er siebten "Marburger Demo gegen Sozialabbau". Lars Schmidt vom Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung (ZFK) der Philipps-Universität sprach vor knapp 100 Demonstrantinnen und Demonstranten auf dem Marktplatz über seine Forschungsergebnisse zu diesem Thema.
An Demonstrationen sind nach seiner Aussage gebildete Menschen überproportional beteiligt. Personen mit niedrigerem Bildungsabschluss scheuten in der Regel jeden öffentlichen Auftritt. Sie seien nicht so selbstbewusst, dass sie sich trauten, ihre Überzeugung auch vor anderen Menschen offensiv zu vertreten.
Ihnen liege eine kritische Äußerung im Stile von Rudi Föllers "Diesen Scheiß kann ich nicht mehr hören!" mehr als wohlformulierte Auseinandersetzungen mit politischen oder gesellschaftlichen Themen. Da Föller der Geruch der Unterklasse trotz seiner durchaus beachtlichen Einkünfte immer noch anhafte, könnten sich viele "einfache" Menschen mit ihm eher identifizieren.
Schmidt schlug vor, die Proteste gegen "Hartz IV" sollten auch die unterschiedlichen Voraussetzungen für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben problematisieren. Nicht nur der Reichtum sei ungerecht verteilt. Auch die Chancen seien sehr ungerecht auf die Menschen verteilt.
Die Bewertung von Protestaktionen anhand der Zahl der Teilnehmer an Demonstrationen hielt Schmidt für falsch. Man solle sich auf derartige Zahlenspiele gar nicht einlassen, forderte der Wissenschaftler. Vielmehr solle man seine Proteste darauf ausrichten, welche sozialen und politischen Entwicklungne man für protestwürdig erachte.
Jan Behrend berichtete anschließend von der bundesweiten Großdemonstration gegen die sogenannten "Arbeitsmarktreformen" am Samstag (2. Oktober) in Berlin. Der Marburger Bus sei zu mehr als zwei Dritteln besetzt gewesen, freute er sich. Die in den Medien übermittelte Zahl von 45.000 Demonstrierenden zweifelte er als zu gering an. Mindestens 70.0000 Menschen seien es wahrscheinlich schon gewesen, meinte er. Jedenfalls sei der Protest trotz anderslautender Bewertungen in vielen Medien wohl ein Erfolg gewesen.
So wird dann auch am Montag (11. Oktober) die achte "Marburger Demo gegen Sozialabbau" stattfinden. Auch sie wird wieder um 18 Uhr vor dem Sozialamt an der Ecke Friedrichstraße/Universitätsstraße beginnen. Bei der Abschlusskundgebung wird der Kreistagsabgeordnete Prof. Dr. Georg Fülberth über die Option des Landkreises Marburg-Biedenkopf für die Betreuung der Langzeit-Arbeitslosen sprechen. In den ehemaligen Räumen derElektrizitäts-Aktiengesellschaft Mittteldeutschland (EAM) an der Uferstraße wird der Kreis vom 1. Dezember an zu diesem Zweck eine neue Organisatioonseinheit einrichten. Bis zum 1. Januar muss sie die Anträge der Bezieher von Arbeitslosengeld II bearbeitet haben. Die Software dafür wird nach Angaben des BA-chefs Frank-Jürgen Weise aber erst im März 2005 einsatzbereit sein. Das Debakel ist also schon vorporgrammiert.
 
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