Sie sind hier: marburgnews >
Heute ist Freitag, 22. Juni 2018

Text von Freitag, 2. Januar 2004

> p o l i t i k<
  
 Macht-Schach: Von der Spielwiese Orient 
 Marburg * (atn)
Über die Fähigkeit von Demokratie, zur Konfliktlösung beizutragen, referierte Renate Maulick von der Philipps-Universität im Caf‚ am Grün. Dieser sehr gründliche und interessante Vortrag führte am Dienstag (1. Dezember) die Reihe "Zwischen Vernunft und Barbarei" fort.
Maulick hat einige Zeit in Ägypten studiert. Ihre besondere Beziehung zum Orient spiegelt sich in einem informativen Vortrag wider, der doch nicht so subjektiv wurde, wie zuvor angekündigt.
Eingangs klärte Maulick das Wort Orientalismus. Der Orient - von dem Philosophen Friedrich von Hegel schlicht als "das Andere" bezeichnet - fasziniert die Menschen des Westens seit jeher. Verglichen mit diesem Interesse ist das Wissen über die fremde Kultur jedoch sehr gering. Man projiziert eigene Vorstellungen und Bilder auf den Orient, der dann nicht mehr den wahren Orient darstellt, sondern denjenigen, den wir darunter verstehen. Diese Meinung wird oft genug nicht mehr hinterfragt.
Man kennt den großen israelisch-palästinensischen Konflikt, man hört vom Irak, doch daneben gibt es eine lange Liste anderer Konflikte, die nicht bis zur deutschen Bevölkerung vordringen: die Westsahara, Saudi-Arabien und der Jemen, Syrien und die Türkei, sowie innerstaatliche Konflikte mit Minderheiten, wie den Kurden, den Sunniten und Schiiten.
Die Neuordnung der Hegemonialmächte nach den beiden Weltkriegen und nach dem Ende des kalten Krieges führte zu zahlreichen Konfliktherden.
Als "The Grand Chessboard" (das große Schachbrett) bezeichnet der frühere US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski in seinem gleichnamigen Buch das Beziehungsgefüge im Orient. Maulick zitierte ihn, um die geostrategische Perspektive des Themas zu verdeutlichen. Konflikte seien in einem gewissen Maß notwendig, denn sie seien Teil einer Ordnung. Konfliktfreie Zonen hingegen seien weit schwerer zu beherrschen. Die größte Gefahr für die Hegemonialstellung der USA - sozusagen der Gegner im großen Schachspiel - sei der eurasische Block, Europa und China.
Das geokulturelle Bild ist ganz grob gezeichnet folgendes: Der Islam ist der Feind der USA und der gesamten westlichen Zivilisation.
Wie kann nun Konfliktregelung ablaufen? Es gibt zwei Möglichkeiten: Zuckerbrot oder Peitsche. Das Zuckerbrot wäre die Befriedung. Das innenpolitische Potential nicht genehmer Staatsmänner würde durch Demokratisierung entschärft werden. Zur Peitsche würde gegriffen, wenn Staaten von der ihres Hegemonen gewünschten Linie abkommen und ihm zum Dorn im Auge werden. Sanktionen und Kriege müsste diese Land dann über sich ergehen lassen.
Die innere Struktur der orientalischen Staaten stellte Maulick als Rentenökonomie vor. Als Rente wird eine natürliche Ressource - Erdöl zum Beispiel - bezeichnet, aus der man ohne eigenes produktives Bemühen sein Einkommen bezieht. Die reichen "rentiers" sind die Golfstaaten, welche ihr Auskommen dank des Öls haben. Ärmere "rentiers" - "semi-rentiers" - beziehen ihr Einkommen teilweise aus politischen Renten. Das sind Zuwendungen von der Weltbank oder Entwicklungshilfeorganisationen, mit deren Hilfe der Staat für Stabilität sorgen soll. Damit werden die "semi-rentiers" abhängig von der weltpolitischen Konstellation. Sie sind weder innen- noch außenpolitisch frei in ihren Entscheidungen.
Maulick stellte einen weiteren Begriff vor. Den der orientalischen Despotie. Das orientalische Großreich ist demnach eine "hydraulische Gesellschaft". Sie betreibt Bewässerungswirtschaft. Der Herrscher agiert hier als Wasservergeber und hat allein dadurch schon eine ganz andere Stellung als der Herrscher in der westlichen "Regenfallgesellschaft". Er steht im Patronage-System an oberster Spitze. Der pyramidale Aufbau dieser Gesellschaft führt zum Klientelismus und damit zwangsläufig zur Korruption. Unter dem Motto "ich gebe, damit du gibst" (do, ut des) gewährt man einander Leistungen nur, wenn man dafür eine Gegenleistung erhält. Für demokratische Verhältnisse ist dieses System ganz offensichtlich nicht angelegt.
Wie bringt man Demokratie in eine solche Gesellschaft? Demokratisierung kann von oben geschehen. Die dem hegemonialen Druck ausgesetzten "semi-rentiers" müssen teilweise Eingeständnisse machen. Stabiler ist jedoch eine Demokratisierung aus der Gesellschaft heraus. Das setzt eine Zivilgesellschaft, eine aktive Öffentlichkeit voraus. Welche Ziele soll aber eine orientalische Zivilgesellschaft haben? Soll sie zwischen Staat und Gesellschaft vermitteln helfen? Soll sie den Staat gänzlich ersetzen? Welche Gruppen sollen teilhaben? Säkulare oder muslimische?
Aktuell formieren sich Freiheitsbewegungen, z.B in Ägypten und Saudi-Arabien. Doch oft beweget sich dieses Engagement zwischen eng gesteckten Grenzen. Wer darüber hinausschießt, muss mit Freiheitsentzug rechnen. Ein Großteil der Bevölkerung bleibt daher von der Bewegung ausgeschlossen, da sie es sich schlicht nicht leisten kann.
In einem Staat ohne oppositionelle Alternative zur Regierung, ist der Islamismus oft das einzige Ventil, seiner Unzufriedenheit Platz zu verschaffen.
Die Bildung und der Zusammenschluss weltweiter Zivilgesellschaften, die sich autoritären Regierungen entgegenstellen und gemeinsam zur Konfliktlösung beitragen, ist ein weit gestecktes Ziel.
Maulick schloss mit dem schönen Zitat von Mao Tsetung: "Unsere Träume sind wie der erste Schnee. Sobald er den Boden berührt, schmilzt er."
 
 Ihr Kommentar 


Politik-Archiv






© 2004 by fjh-Journalistenbüro, D-35037 Marburg