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Text von Freitag, 26. November 2004

> k u l t u r<
 
 

 Tödliche Leidenschaft: Penthesilea feierte Premiere 
 Marburg * (sts)
"Liebe geht durch den Magen" heißt es und "Ich habe dich zum fressen gern" heißt es ebenfalls. In der Regel sind diese Aussagen natürlich nicht wörtlich zu verstehen, doch in der Literatur gibt es Beispiele dafür. Eines davon liefert die Amazonen-Königin Penthesilea, die dem Göttersohn Achilles aus Liebe und animalischer Leidenschaft gleichsam das Herz zerbeißt.
Heinrich von Kleists Drama "Penthesilea" war die Vorlage des Stücks "Rasende" von und mit Pruniella Fuchs. Es feierte am Donnerstag (25. November) in der Waggonhalle Premiere.
"Rasende" ist ein äußerst treffender Titel für die Aufführung, denn der Griechenheros wie die Amazonen-Königin werden Opfer ihrer Leidenschaften für- und gegeneinander. Im Schlachtgetümmel vor Troja begegnen sie sich und sogleich entflammen ihre Herzen in wilden Begehrlichkeiten. In einem ersten Zweikampf zerschmettert Achilles Penthesilea die Brust. Dann liefert er sich den Amazonen jedoch als Gefangener aus, damit die Bewusstlose im Siegesgefühl genesen kann.
Den Amazonen ist die Liebe zu Männern verboten. Die Gefangenen dienen der Kinderzeugung während des Rosenfestes im Tempel der Göttin Diane.
Vor dem zweiten Kampf der beiden spricht Achilles denn auch den irrtümlichen Satz: "Penthesilea! meine Braut! Was tust du? Ist dies das Rosenfest, das du versprachst? "
Mit einer zärtlichen Geste begleitet der göttergleiche Achilles diese Worte. Doch im nächsten Moment tötet ihn die Geliebte. Als Penthesilea wieder zu Sinnen kommt, sagt sie mit todesnaher Gelassenheit: "So war es ein Versehen. Küsse, Bisse, Das reimt sich. Und wer recht von Herzen liebt, Kann schon das Eine für das Andre greifen ."
Anschließend tötet Penthesilea sich selbst, indem sie ein vernichtendes Gefühl in sich hochruft, dieses in ihrem Inneren zu einem Dolch schmiedet und gegen sich selbst richtet: "Und diesem Dolch jetzt reich´ ich meine Brust. So! So! So! So! Und wieder! Nu - ist s gut " lauten ihre letzten Worte.
Pruniella Fuchs hatte Kleists Text deutlich gekürzt, spielte dafür aber auch alle Rollen. Mit einfachen Perückenwechseln verwandelte sie sich von Achilles in Penthesilea oder in den "Beobachter" Odysseus.
Ihm wurde vor allem die Aufgabe zuteil, die ausgelassenen Szenen zusammenzufassen und die Handlung voran zu bringen. Dabei bediente er sich auch modernster Kommunikationsmittel wie Handy oder Faxgerät. Seine männlich-lapidare Ausdrucksweise und die Nutzung der anachronistischen Geräte bildeten einen Gegenpol zu Kleists Dramentext.
Fuchs gelang dabei das fast Unmögliche: Sie wusste in jeder der Rollen zu imponieren. Sie traf die leisen wie die lauten Töne. Durch ihre stimmgewaltigen Schlachtrufe saß auch das Publikum gleich strammer auf den Stühlen.
Gesellschaftlich-patriarchalische Regelungen verhindern die natürliche Entfaltung der Individuen. Ideologien contra Menschlichkeit - das sind Kernaussagen des Stückes, die vor 200 Jahren so aktuell waren wie sie heute sind. Fuchs Inszenierung erleichterte die Entdeckung eben dieses Zugangs zur "Penthesilea". Damit eröffnete sie einen Verständnisweg, der in dem reinen Dramentext viel schwerer zu finden ist.
 
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