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Text von Donnerstag, 14. März 2002


Hermeneutik: Hans-Georg Gadamer gestorben

Marburg * (FJH)
Er war gewiss einer der großen Söhne der Stadt, auch wenn viele in Marburg seinen Namen nicht kennen. Doch wann immer Theologen Texte interpretieren, wenden sie seine Methode an: die Hermeneutigk. Sein 1960 erschienenes Hauptwerk "Wahrheit und Methode" hat die Philosophie des 20. Jahrhunderts maßgeblich mit geprägt. Im biblischen Alter von 102 Jahren ist der Philosoph Hans-Georg Gadamer am Donnerstag (14. März) in Heidelberg gestorben.
Als Sohn eines Chemieprofessors wurde Hans-Georg Gadamer am 11. Februar 1900 in Marburg geboren. Nach dem Abitur begann er 1918 sein Philosophiestudium in Breslau. Schon ein Jahr später kehrte er nach Marburg zurück. Wie sein Lehrer Paul Natorp beschäftigte er sich mit dem griechischen Philosophen Platon. 1922 schloss er sein studium an der Philipps-Universität mit einer Promotion über Platon ab.
Von 1923 bis 1928 war er als Assistent von Martin Heidegger in den Fächern Philosophie und Philologie tätig. Nachdem er bei ihm eine zweite Promotion - ebenfalls über Platon - abgeschlossen hatte, lehrte er als Privatdozent an der Philipps-Universität. Nach einem kurzen Intermezzo in Kiel währned der Jahre 1934 und 1935 kehrte er in seine Heimatstadt zurück. 1937 erhielt er hier den Status eines außerordentlichen Professors.
Aus der Zeit des Nationalsozialismus ist von Gadamer nur ein einziger Satz zu den politischen Verhältnissen überliefert: "Das geht vorbei".
1939 folgte er einem Ruf nach Leipzig. Nach Kriesgende war er zwei Jahre lang Rektor der Leipziger Universität. Anschließend lehrte er von 1947 bis 1949 in Frankfurt, bevor er er in Heidelberg die Nachfolge des Philosophen Karl Jaspers antrat. Diesen Lehrstuhl hatte er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1968 inne.
Schon während seiner aktiven Berufsjahre verbrachte er mehrere Semester mit Gastprofessuren an amerikanischen Hochschulen wie der Vanderbilt University, der "Catholic University of America", der University of Dallas dem Boston College, und der "McMaster University" in Hamilton im kanadischen Bundesstaat Ontario. Noch bis ins höchste Alter setzte Gadamer diese gelegentliche Lehrtätigkeit in den USA, Kanada und anderen Staaten fort.
Bis ins hohe Alter hinein war Gadamer noch aktiv. Erst 1999 verlieh die Philipps-Universität ihrem einstigen Studenten und Dozenten die Ehrendoktorwürde. Da war der greise Wissenschaftler aber schon weltberühmt.
Auch als seine körperlichen Kräfte nachließen, war Gadamer geistig noch hellwach. Er war immer auf der Suche nach anregender Auseinandersetzung und pflegte vor allem den Kontakt zur jüngeren Generation. Mit ihm geht der letzte große Philosoph des 20. Jahrhunderts.


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