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Text von Freitag, 22. März 2002


Anstand: Aufstehen für Bedürftige?

Marburg * (FJH)
Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Gepflogenheiten. Dass ich älter werde, merke ich vor allem daran, dass ich immer öfter an die "guten alten Zeiten" denken muss. Mitunter sollten sich die Heutigen wirklich einmal ein Vorbild an ihren Eltern und Großeltern nehmen. Zumindestens den Umgang der Menschen miteinander könnten sie so verbessern.
Ein Erlebnis im Marburger Stadtbus: Ich sitze auf dem Platz auf der Türseite in der zweiten Reihe, mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Ein alter Man und eine alte Frau steigen am Rudolphsplatz zu. Der Mann fragt zwei junge Männer auf dem Platz hinter dem Fahrer, ob sie ihn freimachen würden. Doch sie sind blind. Auch die alte Dame auf dem Platz hinter minem Rücken ist behindert. Der Mann erklärt, die Frau komme gerade aus dem Krankenhaus und könne nicht stehen. Aber es gebe ja keinen weiteren Behindertenplatz mehr. So werde nichts anderes bleiben, als die Frau gut festzuhalten und zu hoffen, das es gutgehen werde.
Ich stehe auf und sage ganz laut: Wenn hier niemand im Bus bereit ist, für jemanden aufzustehen, der nicht stehen kann, dann tue ich das trotz meiner Behinderung." Nun stehe ich den Rest der Fahrt, meinen Blindenstock fest in dereinen, die Haltestange ncoh fester in der anderen Hand. Niemand im Bus regt sich.
Als ich aussteige, raunt mir der Busfahrer leise zu: "Gut so!" Und dann lauter einen Abschieddsgruß: "Tschüß!"
Es geht auch anders. Das beweist mir ein Erlebnis in der Leipziger Straßenbahn: Ich steige mit meiner Begleiterin ein. Wir finden zwei freie Plätze auf einem Podest. Wir gelangen ohne Mühe dorthin in die zweiten Reihe vom Einstig aus. Doch als ich meinen Blindenstock zusammenklappe, drehen sich die beiden alten Damen in der Reihe vor uns um: " Wir hatten den Stock nicht gesehen.Sollen wir Ihnen diesen Platz hier freimachen? Da müsssen Sie nicht so weit gehen und so hoch hinaufsteigen."
In der Schule habe ich noch gelernt, Behinderten, älteren Menschen und jungen Müttern meinen Platz anzubieten. Mein Großvater stand selbst im höheren Alter noch für jüngere Frauen auf. Er war ein Kavalier der alten Schule.
"Höflichkeit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr"õ, plädiert ein modernes Sprichwort. Vielleicht wäre ein wenig mehr Höflichkeit und Solidarität doch wünschenswert, nicht nur für die Bedürftigen. Das Leben würde einfach leichter und angenehmer.
Höflichkeit und Hilfesbereitschaft können Freude machen. Das weiß ich nicht nur wegen meiner Behinderung. Mit seiner Lebenshaltung ist mein Großvater schließlich 100 Jahre alt geworden. Das ist doch wahrhaft ein nachahmenswertes Vorbild.


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