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Text von Dienstag, 26. Februar 2002


Geschönt: Trau keiner Statistik!

Marburg * (FJH)
Durch die eine Tür geht "Bernhard, der Fälscher" hinaus, durch die andere kommt "Johannes der Zinker" herein. Was Bernhard Jagoda seine Position gekostet hat, das soll sein Nachfolger Johannes Gerster mit Walter Riesters Segen noch viel dreister tun: Statistiken müssen so aussehen, wie der Minister sie benötigt. Nun möchte Riester auch die Arbeits-Beschaffungs-Maßnahmen (ABM) zeitlich begrenzen. Sie waren für viele der Einstieg ins Berufsleben. Wer sich gut eingearbeitet hat, muß gehen, und wird Kunde beim Sozialamt. Jemand anders darf seinen Stuhl besetzten, damit die Statistik eine höhere Vermittlungsquote ausweist. Die Folgen sind indes weniger erfreulich: Die in die Sozialhilfe abgedrängten ABM-Kräfte erwerben geringere Rentenansprüche. Die ohnehin "klammen" Kommunen müssen noch höhere Sozialausgaben aufbringen. Solche Verschönerungsmaßnahmen fördern nicht gerade für den "Wirtschaftsstandort" so wichtige Kaufkraft. Nachdem die Arbeitslosenzahlen partout nicht sinken wollen und die Wahlen bevorstehen, will er die Statistik anders erstellen: Wer keine Arbeit anstrebt, soll in der Arbeitslosenstatistik gesondert auftauchen. Rund 30 % der mehr als 4 Millionen Arbeitslosen sollen auf diese Weise aus der Statistik entschwinden."Wirkungsvolle Hilfe für Arbeitssuchende ist das Gebot der Stunde, statistische Fragen erscheinen dagegen nachrangig", lautet die einhellige Auffassung aller im Verwaltungsausschuss des Marburger Arbeitsamts vertretenen Gruppierungen. Das Marburger Arbeitsamt hat sich in der Vergangenheit immer über das normale Maß hinaus für seine "Kunden" engagiert.Doch auch hier gab es unsinnige Maßnahmen: Alle Jahre wieder wurden Langzeit-Arbeitslose zu Bewerbungsttrainings verdonnert, die nur Geld gekostet haben. Selbstgerechte Trainer stülpten wohlfeile Ratschläge über ihre Zuhörer. Deren Lebenssituation als Alleinerziehhende, überqualifizierte Akademiker ohne Berufserfahrung oder Endvierziger ohne Zukunftsaussischt im Frischwärts-Wettstreit der Jugendlichkeiten wurde das nicht gerecht.Doch auch sinnvolle Qualifizierungsmaßnahmen haben in Marburg manchem weitergeholfen. Statt einer Verbesserung der Qualität solcher Qualifikationsmaßnahmen überlegt die Bundesregierung, Billig-Jobs mit Steuergeldern zu subventionieren. "Kombi-Lohn" nennt man dieses Lohn-Dumping auf Kosten der Staatskasse. Immer billiger sollen die Menschen ihre Arbeit verkaufen, damit der "Standort Deutschland konkurrenzfähig" bleibt.Nicht zu kümmern scheint die Regierenden, dass immer mehr Menschen mit ihrem Einkommen und ihrer Rente nicht mehr auskommen. Aber wenn Spitzenverdiener wie Jagoda und Riester in Rente gehen, dann müssen die nicht um ihre Versorgung fürchten, ganz im Gegensatz zur Mehrzahl der 4 Millionen Arbeitslosen.


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