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Text von Donnerstag, 27. Juni 2002


Korea: Maden in Germany

Marburg * (sfb)
"Zicke-Zacke-Zicke-Zacke-heu-heu-heu.", skandierten blondschöpfige Teutonen unmittelbar vor Beginn des Halbfinal-Spiels Südkorea-Deutschland. In der Fernsehübertragung des ZDF sah man, wie daneben stehende Koreaner etwas peinlich berührt zu Boden schauten über diese Darbietung made in germany. Vielleicht waren die Asiaten auch etwas enttäuscht, hatten sie doch eher ein anderes Markenzeichen deutscher Kultur wie Beethovens "Ode an die Freude" erwartet . Nach dem 1zu 0- Sieg der Deutschen brach auch hier in Marburg am 25. Juni der Freudentaumel aus. Bis in die Abendstunden hinein donnerten hupende Karossen durch die Innenstadt, aus denen Deutschlandflaggen, gröhlende Fans und jede Menge Bierdosen zum Vorschein kamen. Andere Länder andere Sitten. Anderswo führen die Leute Freudentänze auf oder liegen sich in den Armen. Es macht richtig Spaß ihnen zuzusehen, wie sie feiern. In Marburg wirkte das nationale Straßenfest eher gequält und sehr angestrengt. Vereinzelt auftretenden Horden, die Containerlieder wie "Großer Bruder " und immer wieder dumpfbackene "Deutschland, Deutschland -Rufe ausstießen, mochte man am liebsten aus dem Weg gehen oder - besser gesagt - aus der Schußlinie.
Ein bißchen entschädigt wird man indes von Berichten über einen etwas anderen Nationalstolz. Wie in einem Märchen gelangte die südkoreanische Fußballmannschaft, die bis vor kurzem noch im "Abseits" gestanden hat, ins Halbfinale der WM, nachdem sie hintereinander die Favouriten Portugal, Spanien und Italien besiegt hat. Diese Erfolge nötigen Respekt ab, aber es ist auch rührend, zu sehen, wie eine ganze Nation hinter ihre "roten Teufel" steht und sie mit allen Kräften unterstützt. Hat sich doch der nationale Zusammenhalt der Koreaner bereits seit Jahrhunderten als wirkungsvolle Defensivkraft gegen angreifende Nachbarn wie Japan oder China bewährt. Ein bißchen erinnert die Euphorie über die jüngst errungenen Fußballsiege an die, als Korea am 15. August 1945 das japanische Joch nach 36 Jahren Besatzung abschütteln konnte. Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft , die ihresgleichen sucht, sowie ein ausgeprägter Familiensinn haben sich auch während der WM in vollem Ausmaß gezeigt. In einer spontanen Gemeinschaftsaktion haben Millionen von Koreanern den angefallenen Straßenmüll nach den fröhlichen happenings in den Übertragungsstädten freiwillig entsorgt.
Solidarität erwies sich aber auch gegenüber den Gästländern.
Ein Vertreter des Samsung-Konzern schenkte dem portugisischen Trainer auf dem Flughafen in Inchon ein notebook zum Abschied, das ihn über das verlorenen Spiel gegen Südkorea hinweg trösten sollte. Dies ist kein Einzelfall. Tausende Koreaner haben sich spontan zusammengetan, um die Gastländer vor allem Dritte-Welt-Länder wie Paraguay oder Uruguay, mit selbst angefertigen Transparenten und Plakaten zu begrüßen und auch während der Spiele zu unterstützen. Keine Regierung oder irgendein Fußballclub hat sie dazu angewiesen. Den Koreanern ist zu wünschen, dass sie im kleinen Finale am Samstag gegen die Türkei wenigstens den dritten Platz erringen. Vielleicht sollten einige Deutsche sich an ihnen ein Beispiel nehmen. Die Liebe zum eigenen Land muß nicht in primitiver Arroganz über andere zum Ausdruck kommen. Der Ball ist rund, genau wie die Erde.


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