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Text von Donnerstag, 23. Mai 2002


Westbank: Palästinensische Christin über ihren Alltag

Marburg * (ChH)
Fast täglich erreichen uns neue Bilder aus Israel und der Westbank. Jeder hat seine eigenen Nachrichtenausschnitte im Kopf: Bilder der Belagerung der Geburtskirche in Bethlehem, der Selbstmordanschläge und der Geschehnisse in den Palästinensergebieten, soweit darüber berichtet wurde. Doch nur selten besteht die Möglichkeit, persönliche Erlebnisse der Menschen, die mit diesem Konflikt leben müssen, zu erfahren.
Einen Einblick in das Leben in der Westbank lieferte Faten Mukarker am Mittwoch (22. Mai). Im Hans-von-Soden Haus der Evangelischen Studentengemeinde beschrieb sie ihre persönlichen Eindrücke, Ängste und Hoffnungen. Mukarker ist eine in Bethlehem geborene griechisch-orthodoxe Christin, die in Deutschland aufgewachsen ist. Seit 1975 lebt sie mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in Beit Jala in der Nähe von Bethlehem. Als christliche Palästinenserin sieht sie sich auch der arabischen Kultur verpflichtet. In Beit Jala leben 80 Prozent Christen und 20 Prozent Muslime, die als Flüchtlinge in die ursprünglich rein christliche Stadt gekommen waren - nach ihrer Aussage in Eintracht nebeneinander.
Das Jahr 2000 war für Mukarker ein Jahr der Hoffnung. Zur Milleniumsfeier kamen Pilger und internationale Chöre nach Bethlehem und ließen 2000 Friedenstauben aufsteigen. Der Papst, der persönlich anreiste, erklärte dieses Jahr zum Pilgerjahr. "Kein Stein blieb unpoliert. Die Frauen stickten sich die Hände Wund, um Textilien für die Pilger herzustellen", beschreibt Mukarker. Um den Besuchern Einblicke in das Leben der Palästinenser zu geben, lud sie Touristen in ihr Haus ein.
Doch dann kochte der Konflikt wieder hoch. Seither gehört Krieg zu ihrem Alltag. Sie beschrieb ihre erste Schreckensnacht, während der israelischen Militäraktionen in den Palästinensergebieten. Plötzlich waren überall Schüsse zu hören, Einschläge, Explosionen. Rote Laserstrahlen leuchteten durch ihr Haus. Sie konnte sich nur noch mit ihrer Familie auf den Boden kauern und stundenlang abwarten. Am nächsten Morgen wieder scheinbarer Alltag. Ihre Tochter musste zur Schule, ihr Mann und sie selber versuchten herauszufinden, aus welchen Gründen der plötzliche Angriff stattgefunden hatte und erfuhren, dass zuvor Schüsse in Richtung auf die benachbarte israelische Siedlung abgegeben worden waren.
Die Situation blieb unerträglich. Man solle sich einmal 39 Tage Ausgangssperre vorstellen: Die Männer - oft Tagelöhner - konnten ihrer Arbeit nicht nachgehen und ihre in den abgeriegelten Gebieten festsitzenden Großfamilien nicht ernähren. Mukarker wartet immer noch auf den Aufschrei der Weltbevölkerung, die diese Politik verhindern solle. Es herrsche keine Lebensqualität auf beiden Seiten. Die Selbstmordattentate, vor denen sich die Israelis fürchten, hätten sich nur verstärkt. "Ich hoffe, daß es für uns eine Zukunft geben wird. Aber nur wenn beide Völker Hand in Hand gehen, kann es für uns ein Überleben geben", ist ein Zitat aus ihrem Buch "Leben zwischen Grenzen".
Auf die Publikumsfrage, ob die Deutschen sich trotz ihrer Geschichte in diesen Konflikt einmischen könnten, antwortet sie, dass wir gerade wegen unserer Vergangenheit nicht Schweigen sollten. Gerade deswegen müssten wir uns um Frieden bemühen. Es solle aber weder eine pro israelische noch pro palästinensische Politik geben, sondern nur eine Politik für die Menschenrechte.


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