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Text von Montag, 8. April 2002


Betriebsratswahlen: Mit gutem Beispiel voran

Marburg * (FJH/pm)
"Die Betriebsratsarbeit ist seit der Fusion schwieriger geworden" stellt Walter Kreuer fest. "Sie erfordert erhebliches Fingerspitzengefühl, wenn man mit einer Unternehmenskultur zu tun hat, der Betriebsräte völlig fremd sind."
Seit 1995 ist Kreuer Betriebsratsvorsitzender der Blutplasmaprodukte-Fabrik, die heute den Namen "Aventis Behring GmbH" trägt. Am 15. Mai finden dort Betriebsratswahlen statt. 19 Positionen müssen besetzt werden. 2018 Beschäftigte hat das Marburger Tochterunternehmen der Stra burger Aventis SA.
Unruhe haben Gerüchte in den Betrieb gebracht, Aventis plane den Verkauf der Produktion an die Leverkusener Bayer AG oder zumindestens eine Kooperation mit Bayer. Kreuer hat den Vorsitzenden seiner Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (BCE) angespitzt, Genaueres in Erfahrung zu bringen. Hubertus Schmolt gehört nämlich dem Bayer-Aufsichtsrat an.
Kreuer wiederum vertritt die Beschäftigten im Aufsichtsrat der Aventis AG und in deren Gesamtbetriesrat. Er möchte informiert sein, was die Konzernleitung mit der Belegschaft des Pharma-Unternehmens vorhat.
Das Verhältnis zur Marburger Geschäftsleitung bezeichnet er als "vernünftig". Mit 1.200 Gewerkschaftsmitgliedern im Rücken hat die IG BCE in dem Betrieb eine starke Position. An den Sitzungen des Vertrauensleutekörpers nehmen regelmäßig gut 30 Aktive teil. Selbst Leitende Angestellte des Unternehmens sind gewerkschaftlich organisiert. Und nach wie vor hat die IG BCE bei Aventis-Behring guten Zulauf.
Einen der Gründe für die gute Stellung der Gewerkschaft im Betrieb sieht Kreuer in der Innovationsbereitschaft seiner Kollegen. So haben sie beschlossen, eine der Freigestellten-Positionen im Betriebsrat allein der Betreuung der vier Au enstellen Berlin, Hamburg, Hannover und München zu widmen, die Aventis-Behring neben seinen deutschen Hauptstandorten Marburg und Liederbach unterhält. Die Außenstellen koordinieren rund 100 Pharma-Vertreter, von denen immerhin 20 BCE-Mitglied sind. Ihnen soll sich ein Freigestellter Betriebsrat in Heimarbeit per Mail, Internet, Fax und Telefon sowie durch Besuche vor Ort widmen. "Das ist wohl bundesweit einmalig", erklärt Kreuer diesen Beschluss der Behring-Gewerkschafter.
Wirtschaftlich geht es dem Marburger Unternehmen, das Medikamente aus Blutplasma herstellt, ausgezeichnet. Auch um den Einfluss der Gewerkschaft im Betrieb braucht sich Kreuer keine Sorgen zu machen. Allein die Entscheidungen der Konzernleitung in Stra burg bereiten ihm Sorgen. "Logisch ist das alles nicht immer."
Und so wissen die Behringwerker heute nicht, was aus dem 1904 gegründeten Werk werden wird. Kreuer hofft aber, dass eine starke Gewerkschaft die sozialen Standards der Beschäftigten schätzen kann.
In anderen Unternehmen sieht das bei weitem nicht so gut aus. Bundesweit stehen zur Zeit die Betriebsratswahlen an. Gewählt wird nach dem im vergangenen Jahr verabschiedeten neuen Betriebsverfassungsgesetz. Obwohl die Eintstiegsvoraussetzungen für eine Gründung von Betriebsräten erleichtert worden sind, treten lange nicht überall Kolleginnen und Kollegen zur Wahl an, wo das möglich wäre. Aventis-Behring ist nicht nur für den Arbeitnehmerverband der Chemischen Industrie, sondern auch für die Gewerkschaft ein "Vorzeigebetrieb".


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