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Text von Freitag, 29. März 2002


Sharons Fatwa: Die Endlösung der Palästinenserfrage?

Marburg * (FJH)
Christinnen und Christen in aller Welt begehen den Karfreitag als Tag des Gedenkens an die Kreuzigung ihres Religionsstifters. Vielleicht werden Mohammedaner in aller Welt den Karfreitag (29. März) des Jahres 2002 dereinst als Gedenktag für einen anderen Märtyrer begehen. Jedenfalls hat Palästinenserpräsident Jassir Arafat nach Beginn der israelischen Angriffe auf sein Hauptquartier schon angekündigt, er sei bereit, als Märtyrer zu sterben.
Der israelische Ministerpräsident Ariel Sharon spielt mit dem Feuer. Er hat Arafat zum "Feind" erklärt und den Angriff auf sein Hauptquartier in Ramalla angeordnet. Das alles geschieht zweifellos nicht ohne die stillschweigende Duldung der US-Regierung. Seinem Krieg gegen die Palästinenser hängt Sharon das Etikett "Kampf gegen den Terrorismus" um.
Terrorismus ist aber die Politik des Ariel Sharon. Er hat - noch als Kandidat - vor der Wahl zum israelischen Ministerpräsidenten mit seinem Auftritt am Tempelberg die Al-Aksa-Intifada ausgelöst. Alle Vermittlungsversuche hat er durch Militäraktionen auf palästinensischem Gebiet systematisch vereitelt. Arafat hat er in seinem Hauptquartier festgesetzt und ihm nicht einmal den Besuch des Weihnachtsgottesdiensts in Bethlehem erlaubt.
George Bush und die Mehrheit der israelischen Bevölkerung scheinen das alles widerspruchslos hinzunehmen. Haben sie nichts aus dem Holocaust gelernt?
Jedes Volk hat das Recht auf ein friedliches Leben in Freiheit und Selbstbestimmung. Das steht auch in der Charta der Vereinten Nationen (UN). Die Angriffe der israelischen Armee auf Palästina sind aber nicht nur völkerrechtswidrig, sondern auch politisch dumm. Statistiker haben ausgerechnet, dass unter der Präsidentschaft Sharons mehr israelische Bürgerinnen und Bürger gestorben sind als je zuvor. Noch mehr Menschen palästinensischer Herkunft haben diese Politik mit dem Leben bezahlt. Sharon dreht die Spirale des Hasses und Mordens immer noch weiter hoch.
Seine Kriegserklärung an Arafat erinnert an die Fatwa (religiös legitimiertes Todesurteil) islamistischer Fundamentalisten gegen den Schriftsteller Salman Rushti. Der personifizierte "Teufel" als zur Tötung freigegebener Feind soll ablenken von Schwirigkeiten im eigenen Land. Doch der wird damit zum "Märtyrer" hochstilisiert. Und wer nach ihm kommen wird, weiß man auch nicht. Es könnte durchaus schlimmer kommen.
In Oslo hatten sich Jassir Arafat und Izrak Rabbin schon auf einen Friedensvertrag geeinigt. Vieles, was darin vereinbart worden war, ist von den verschiedenen israelischen Regierungen nach Rabbins Ermordung nie eingelöst worden.
Einst nannte man Israel "das gelobte Land". Wird man es bald "das verbrannte Land" nennen müssen?
Am heutigen Karfreitag haben - auch in Hessen - die Ostermärsche begonnen. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht nur friedensbewegte Menschen, sondern auch Politiker dem Terror des Ariel Sharon schnell entgegentreten. Aber wahrscheinlich hat er die Osterferien in der christlichen Welt bei der Wahl des Zeitpunkts seiner Angriffe ebenso wie das Ende des arabischen Gipfels in Beirut schon mit einkalkuliert.


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