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Text von Donnerstag, 3. Januar 2002


Friedensbotschaft: Der Papst mahnt zu Gerechtigkeit

Marburg * (Johannes Becker)
Es gab eine Zeit, sie lag vor dem November 1989, da saugten die Medien der westlichen Länder alles, was Papst Johannes Paul II. verlautbaren ließ, begierig auf und verbreiteten es mit Nachdruck. Es ist ruhig geworden um den beharrlichen Polen im Vatikanstaat.
Schon seine Verurteilung der US-amerikanischen Blockadepolitik gegen das kleine Kuba, vor wenigen Jahren geäußert, wollte so recht niemand mehr zur Kenntnis nehmen. Auch sein ständiges Anmahnen sozialer Gerechtigkeit, mit dem er bspw. die UN-Berichte über den katastrophalen Zustand der Erde, was die Verteilung des Reichtums anbelangt, wurde eher routinemäßig verbreitet.
Da waren die Zeiten doch anders, als er in den 80er Jahren die polnische Solidarnosc unterstützte, als er Presse- und Meinungsfreiheit in den sozialistischen Ländern einklagte, als er die dortige Behandlung oppositioneller Politikerinnen und Politiker brandmarkte.
Nun hat Johannes Paul II. zum Weltfriedenstag am 1. Januar 2001 eine Botschaft unter dem Titel verbreitet: Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung . Hierin heißt es unter anderem: Gewalt gesellt sich zu Gewalt, in einer tragischen Spirale, die auch die jungen Generationen mit hineinzieht, die so den Haß erben, der schon frühere Generationen entzweit hat. Es besteht daher ein Recht auf Verteidigung gegen den Terrorismus.
So weit so gut, mag da mancher Politiker am Berliner Spreebogen denken.
Lesen wir weiter: Es ist ein Recht, das sich wie jedes andere bei der Wahl sowohl der Ziele wie der Mittel an moralische und rechtliche Regeln halten muß. Die Identifikation der Schuldigen muß entsprechend bewiesen werden, weil die strafrechtliche Verantwortung immer personal ist und daher nicht auf die Nationen, Ethnien und Religionen, denen die Terroristen angehören, ausgedehnt werden kann. Und wenig später wendet sich Johannes Paul II. dem sozialpolitischen Zustand der Erde zu: Die Fähigkeit zur Vergebung liegt jedem Plan für eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft in der Zukunft zugrunde. Umgekehrt kommt die versäumte Vergebung, besonders wenn dadurch die Fortdauer von Konflikten geschürt wird, der Entwicklung der Völker sehr teuer zu stehen, Die Ressourcen werden verwendet, um den Rüstungswettlauf, die Kriegskosten und die Folgen wirtschaftlicher Repressalien zu tragen. Damit fehlen die notwendigen Geldmittel, um Entwicklung, Frieden und Gerechtigkeit voranzubringen.
Es wird nun Zeitgenossinnen und -genossen geben, die dem Papst unterstellen, dass er auch für Terroristen eine Rechtsstaatlichkeit verlangt. Dass er Beweise für Schuld verlangt. Dass er es verurteilt, ein Land zu bombardieren für die Verbrechen von Individuen, die nicht einmal (ja nicht in einem einzigen Falle!) seine Bürger sind. Dass er Krieg, Aufrüstung, Rüstungsexport und nicht existente Entwicklungspolitik für unchristlich erklärt. Wenn nicht für mehr. Es ist dem Papst in der Tat zu wünschen, dass er am Ende eines Jahres, das viele Menschen wachgerüttelt hat, wieder gehört wird. Und durchaus über seine Anhängerschaft hinaus.


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