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Text von Freitag, 18. Januar 2002


Meinungsfreiheit: Keine Rede von Kritik!

Marburg * (FJH)
Bertha von Suttner war eine Vorkämpferin für Frauenrecht und für den Frieden. Auf ihre Fürsprache hin stiftete Alfred Nobel den Friedensnobelpreis. "Man sollte der Bertha-von-Suttner-Gesamtschule in siegen diesen Namen aberkennen", meinte ein Teilnehmer des Diskussionsabends "Die Freiheit stirbt mit Sicherheit - Innere Sicherheit im Schatten der Terrorismusbekämpfung" am Donnerstag (17. Januar) im Büro der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Auf Einladung der Marburger Friedensinitiative "Nein zum Krieg!" trug der Siegener Lehrer Bernhard Nolz die Geschichte seiner Disziplinierung nach einer Rede vor dem Siegener Schloss vor.
Dort hatte der Lehrer, Geschäftsführer des Zentrums für Friedenskultur (ZFK) und Bunde svorsitzender der Pädagogen für Frieden, vor mehr als 1.000 Schülerinnen und Schülern am 18. September - sieben Tage nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center (WTC) in New York und das Pentagon in Washington eine Rede gehalten. Darin teilte er seiner Zuhörerschaft unter anderem auch mit, dass die Vereinigten Staaten mit ihren Beiträgen für die Vereinten Nationen noch im Rückstand waren.
Die "Siegener Zeitung" kritisierte seine Rede am folgenden Tag als "antiamerikanisch". Sofort wurde Nolz vom Dienst suspendiert. Sechs Wochen lang durfte er seine Schule nicht besuchen, dann wurde er an eine andere Schule im 50 Kilometer entfernten Kierspe versetzt. Die Begründung lautete, Nolz "störe den Schulfrieden".
Zahlreiche Angriffe auf den Pädagogen und das ZFK schlossen sich in den folgenden Wochen an. Der Schulleiter der Bertha-von-Suttner-Gesamtschule und ein Großteil des Kollegiumgs sowie der Schülervertretung distanzierten sich von ihm. Andere, die sich mit ihm solidarisierten, wurden - so berichtete der Pädagoge - unter Druck gesetzt. Nolz befindet sich derzeit im Rechtsstreit um seine Position als Lehrer an der Siegener Gesamtschule, die er wiedererringen will.
Seine Geschichte ist kein Einzelfall. Die Wahrung der Bürgerrechte hält Rüdiger Stolzenberg vom DGB-Kreis Mittelhessen - gerade nach Inkrafttreten des Sicherheitspakets 2 - für eine vordringliche Aufgabe. Die Verhinderung gesetzlicher Einschränkungen im Vorfeld ihrer Verabschiedung, das Ausschöpfen aller juristischen und politischen Möglichkeiten zur Gegenwehr dagegen und die Solidarität mit Betroffenen solcher Einschränkungen erklärten die Anwesenden zur Leitlinie ihres politischen Handelns. Schon die Väter der amerikanischen Verfassung wussten: "Wer die Freiheit einschränkt, um Sicherheit zu gewinnen, wird beides verlieren."


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