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Text von Dienstag, 12. November 2002


Jazzsession: Abdullah Ibrahim verzauberte Marburg

Marburg * (spi)
Ein begeistertes Publikum zog das Abdullah-Ibrahim-Trio am Montag (11. November) in der ausverkauften Stadthalle in seinen Bann. Unter dem Titel "South Africa - the cradle of human kind" (Südafrika - die Wiege der Menschheit) verzauberten Abdullah Ibrahim am Klavier, Beldon Bullock am Bass und George Gray am Schlagzeug auf Einladung des Kulturladens KFZ die Zuhörer mit einer Mischung aus Jazz, Klassik und afrikanischen Elementen.
George Grays vibrierende, zeitweilig fast streichelnde Klangkaskaden fügten außerdem eine Prise Funk hinzu.
Zunächst hatte es fast den Anschein einer improvisierten Jazzsession. Während Bullock ein wenig Zeit benötigte, in das Konzert hineinzufinden, übten sich Ibrahim und Gray im musikalischen Schlagabtausch. Gray bearbeitete die Trommeln zuweilen sanft und leise, dann wiederum schwang er sich zu einem Solo auf, das Ansätze eines Marschliedes in sich trug. Der Blick lag weniger auf Ibrahim, der sich kaum bewegte, während seine Hände über die Tasten tanzten. Die flinken Fertigkeiten Grays, der auch schon mit Stevie Wonder gespielt hat, sein schelmischer Gesichtsausdruck und die energiegeladenen Bewegungen seines Oberkörpers machten das Wegsehen oft unmöglich.
Doch nie entglitt Ibrahim die Kontrolle. Die erste Stunde bis zur Pause spielte er ohne Unterbrechung. So fand er immer wieder zu beeindruckenden musikalischen Konversationen mit Gray und Bullock, der bald mit flinken Fingern den Bass zupfte. Immer war es die Melodie des Klaviers, mit der Ibrahim die beiden Musiker wie auf einer Welle mit sich nahm. Eine wiederkehrende Klavierweise, die Ibrahim zwischen den Bandarrangements wiederholt aufnahm und variierte, entwickelte sich zu wunderschönen Solo-Einlagen. Das melancholische Lied ließ Gedanken an Ibrahims Heimat frei werden.
Abdullah Ibrahim, 1934 als Adolph Johannes Brand in Kapstadt geboren, verließ Südafrika Anfang der 60er Jahre. Zunächst unter dem Namen Dollar Brand wurde er 1962 von Duke Ellington entdeckt und fungierte später mehrfach als dessen Bandleader. Als Mitglied des verbotenen African National Congress (ANC) des Landes verwiesen, kehrte er erst 1990 nach dem Ende des Apartheid-Regimes nach Südafrika zurück. In den späten 60er Jahren konvertierte Brand zum Islam. Seither nennt er sich Abdullah Ibrahim.
Eine tiefe Religiosität sowie die Erfahrungen der Apartheid, sind Einflüsse, die in seiner Musik deutlich zu spüren sind. Wie rund der Bogen seiner Erfahrungen ist, zeigte sich in der zweiten Hälfte des Konzerts. Nachdem der Abend ruhig begonnen hatte, schwang sich das Trio nun zu ungeahnten Höhenflügen auf. Pure Lebensfreude und Inspiration entsprang den Tasten Ibrahims. Bullocks Finger rasten über die Saiten seines Basses. Schlagzeug und Bass zogen das Tempo an, bevor die Musik mit Ibrahims gefühlvollem Tastenspiel wieder zu Ruhe und Ausgeglichenheit zurückkehrte.
Für die Zuhörer war dies wie eine heilsame Dusche, die alles Alltägliche fortwusch. Die Folge war ein entspanntes, zum Teil mit geschlossenen Augen lauschendes Publikum. Am Ende verbeugte sich eine rundum harmonisierende Band. Das Publikum bedankte sich mit begeistertem Applaus für ein ganz besonderes Marburger Musikerlebnis.


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