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Text von Donnerstag, 24. Oktober 2002


Aufgeschnürt: Kinder eingeschnürt in enge Zwänge

Marburg * (FJH)
"Das Schnürkorsett steht auch als Sinnbild für die Zwänge, denen damals vor allem Kinder aus ärmeren Familien ausgesetzt waren", erläuterte PD Dr. Marita Metz-Becker. "Kindheit um 1800" ist das Thema der Ausstellung "Schaukelpferd und Schnürkorsett". Im völlig überfüllten Haus der Romantik wurde sie am Donnerstag (24. Oktober) eröffnet.

[Haus der Romantik]

Zusammengestellt haben die Präsentation 33 Studierende des Fachbereichs "Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaften" der Philipps-Universität. Die Studentin Linda Steffelhorst hob vor allem den Praxisbezug des zweisemestrigen Seminars hervor: Die Studentinnen hätten nicht nur Quellen ausgewertet, darüber diskutiert und die Ergebnisse niedergeschrieben; sie überlegten anschließend auch, wie die einzelnen Punkte bildlich dargestelt werden können. "Vor allem von armen Kindern git es kaum überlieferte Gegenstände. Allein die Puppen der Reichen wurden von den armen Kindern hergestellt. Spielen durften sie damit aber nicht."
Stattdessen galt das vordringliche Augenmerk der Kinder allein dem Broterwerb. Sie arbeiteten in der Landwirtschaft, in Manufakturen und Bergwerken.
Erst der Philosoph Jean-JAcques Rousseau entdeckte in seinem "Emile" die Kindheit als eigenständige Lebensphase. Mit der Verbreitung der Aufklärung setzte dann auch allmählich die liebevolle Zuwendung zu Kindern ein. Wohlhabende Familien begannen, das Kind an seinem Geburtstag in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken und als eigene kleine Persönlichkeit zu würdigen. Im 19. Jahrhundert kam auch der Brauch auf, das Weihnachtsfest zu feiern und die Kinder mit Geschenken zu bescheren.
Ein Raum der Ausstellung ist diesen Feiern gewidmet. Gezeigt werden außerdem Schulbänke, Puppen und anderes Spielzeug.
Der - ebenfalls von den Seminarteilnehmerinnen zusammengestellte - Ausstellungskatalog ist im Marburger Jonas-Verlag erschienen. Ein Begleitprogramm mit Führungen und Lesungen wendet sich sowohl an Kinder wie auch an Pädagogen und interessierte Erwachsene.
Marita Metz-Becker hob hervor, dass selbst die Entwicklung während des 19. Jahrhunderts vor allem die Lage der Knaben verbessert habe. Als Kinder wurden fast immer nur die Jungs gefördert, während die Mädchen weiterhin in Leibchen eingeschnürt und zur Duldsamkeit erzogen wurden.
Dennoch war die Epoche der Romantik zugleich der Beginn unbeschwerter Kindheitserlebnisse. An sie erinnert am Dienstag (12. November) eine Lesung der Schauspielerin Uta Eisold aus den Kindheitserinnerungen von Bettina von Brentano.
Mit einem Zitat des Dichters Novalis beendete Metz-Becker ihren Vortrag zur Ausstellungseröffnung: "Wo Kinder sind, da ist ein goldnes Zeitalter."


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