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Text von Sonntag, 20. Oktober 2002


Creeps: Knallharte Kasting-Konkurrenz

Marburg * (sfb)
"Creeps" ist das englische Wort für Gruseln. Ebenso heißt auch die neueste Produktion des hessischen Landestheaters. Am Samstagabend (19. Oktober) feierte das Stück im Theater am Schwanhof (TaSCH) Premiere. Regie führte Luisa Brandsdörfer nach einer Textvorlage von Lutz Hübner.
Drei Mädels zwischen 16 und 18 Jahren, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, treffen bei der Endrunde eines castings aufeinander. Im Studio stellen sie sich der körperlosen Stimme eines Arno (Arthur Werner) vor, die aus dem Hintergrund selbstironische Regieanweisungen und Kommentare gibt.
"macht euch locker", "ihr seid Spitze", "der groove geht ab" oder so ähnlich tönt es aus dem Lautsprecher. Vor Arnos Kamera konkurrieren alle drei um ihren Traumjob als Moderatorin der Musik-Show "Creeps".
Da ist die liebe Petra (Sarah Grabowski), ein harmoniesüchtiges Blondschopfmädel aus der "KM-" City Chemnitz, das mit großen Kulleraugen - sichtlich bemüht - immer nur das Beste will. Aus Hamm bei Dortmund kommt die blasse Maren (Anne Berg), die "etwas für den Umweltschutz" tun will. Der absolute Hammer ist jedoch Lilly (Katie Debney), das verwöhnte Wohlstandsgirl aus dem kühlen Hamburg. Hübsch, intelligent und kaltschnäuzig entspricht sie der Marke "harte Schale, weicher Kern". Man muß unweigerlich lachen, wenn sie mit hochhackigen Stiefeln, Handtasche, Handy und Zigarette über die Bühne wippt. Man nimmt ihr die demonstrative coolness einfach nicht ab. Alle drei verkörpern Prototypen der derzeitigen Jugendkultur, die sie überzeugend karikieren.
Bei dieser Mischung unterschiedlicher Charaktere ist der Konflikt vorprogrammiert, das Ende vorausschaubar. Erst schlugen, dann küßten sie sich. Zuvor konkurrieren sie gegeneinander vor dem schmierigen Produzenten, bis ihr Kampf um Anerkennung in entblößende Wortgefechte ausartet. Die dominante Lilly, die hinter ihrer Sonnenbrille alles durchschaut, selber aber undurchschaubar bleibt, stellt Maren vor laufender Kamera bloß: "Du bist eine von Komplexen geplagte Schulversagerin, du Ökoschlampe!"
Die Spitze des Eisbergs ist erreicht, als Maren der Norddeutschen eine klatscht. Doch dann bricht das Eis, die Masken fallen. Die drei verbünden sich schließlich gegen den verlogen blubbernden Arno, der nun Objekt amüsanter Beschimpfungen wird. Im Chor haucht das Trio: "Machs mir Arno" oder "Ruf mich an!"
Die message ist unverkennbar: die Menschlichkeit siegt über die Marktinteressen kalt kalkulierender TV-produzenten, die Jugendliche als Werbematerial verheizen. Die Kritik ist hinlänglich bekannt und vielfach behandelt worden; aber die Umsetzung im Stück "Creeps" ist trotzdem originell. Die jungen Akteurinnen vereinen komische Spitzen mit dramatischen Tiefen in ihren Rollen, die ebenso perfekt sitzen wie ihre Kostüme. Schauspielerische " Überzeugungsarbeit", amüsante Pointen, temporeiche Dialoge, gut proportionierte Musik- und Videoeinlagen verhindern einen Übersättigungseffekt, der bei der Vielzahl an dramaturgischen Mitteln einzutreffen droht. Das Stück beweist, dass launige Unterhaltung sich durchaus mit kritischen Tiefgang vereinbaren läßt. Frenetischer Applaus, standing ovations gaben der 75minütigen Aufführung schließlich recht.
Die nächsten Aufführungen von "Creeps" finden am 20., 29. und 30. Oktober sowie am 8. und 9. November statt.


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