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Text von Sonntag, 30. Juni 2002


Jawoll: Kabarett im Deutschhauskeller

Marburg * (FJH)
"Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da!" Hellwach waren am Samstagabend (29. Juni) die Premierenbesucher des neuen Kabaret-Programms "Jawoll, meine Herrn, so haben wir´s gern!" Bekannte Filmschlager der 20er und 30er Jahre hatte Peter Radestock vom Hessischen Landestheater mit zeitgenössischen Texten zu einem kurzweiligen Streifzug durch die Vergangenheit zusammengestellt. "Verbrannte Milch und Langeweile" gab es dabei nur in Erich Kästners Gedicht "Danach".
Immer wieder hatten Christine Reinhardt, Thomas Streibig und Peter Radestock die Lacher auf ihrer Seite. Gekonnt persiflierten sie beliebte Evergreens wie "In der Nacht ist der Mensch nicht gern alleine" und "La Paloma", die Großmutter aller Seemannslieder. "Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" mimte christine Reinhardt die naive Unschuld, die fast stotternd beteuerte: "Dafür kann icht nichts".
Den Wortwitz des Texts von "Man müsste Klavier spielen können" arbeiteten sie ebenso fein heraus wie die Pointen in den rezitierten Texten. Heimlich hatte Radestock unter Erich Kästner und Christian Morgenstern und Gedichte von Heinz Erhard und Robert Gernhardt geschmuggelt. Diese "Fremdkörper" fielen im Reigen von Frivolitäten, Frechheiten und Nachdenklichem aber keineswegs auf. "Kellermeister" Radestock hatte vielmehr eine ausgegorene "Weinprobe" zusammengestellt, die das Publikum rundum lustig stimmte.
Eine ganz besonders und gut gelungene Kostprobe davon gab Christine Reinhardt, als sie mit weinerlicher Stimme und in sächsischem Dialekt wünschte, "Regenwürmchen" zu sein. Denn "so ein Würmchen hat kein Herz" und "so ein Würmchen kennt kein´ Schmerz". Deswegen wurmte es sie, dass sie "leider kein Regenwürmchen" ist.
Mit frenetischem applaus belohnte das Publikum diese weinerliche Aussage. Christine Reinhardt bewies ihr schauspielerisches Können aber auch durch ihre Verwandlungsfähigkeit. Von der geldgierigen Dirne über eine trampelige Tänzerin reichte ihr Repertoire bis hin zur blasierten Dame der "besseren Gesellschaft". Ihren überagenden Leistungen standen die beiden Mitspieler und Pianist Reidar Seeling nur wenig nach. Gemeinsam brachten sie das Publikum zum Lachen, zum Mitsingen und sogar zum Schunkeln.
"Wenn ich mir was Wünschen sollte", dann mehr davon, dachte das Publikum frei nach Theo Mackeben. Und so verlangte es als Zugabe noch einmal das hinreißende "Regenwürmchen".


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