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Text von Mittwoch, 8. Mai 2002


100 Jahre Verspätung: Dornröschen am Bahnhof

Marburg * (ChH)
Ein alltägliches Bahnhofsszenario. Ein gestresster Karrieretyp telefoniert über sein Handy. Ein verkannter Sänger versucht sich ein paar Euro zu verdienen. Passanten warten unruhig auf die verspäteten Züge. Jeder hat seine eigene Geschichte zu erzählen. Begegnungen finden statt. Die Schaffnerin stöckelt in ihren zu hohen Schuhen den Bahnsteig auf und ab. Alles scheint in Bewegung zu sein. Wie würde sich wohl Dornröschen in dieser Atmosphäre zurechtfinden?
Die Werkstatt Schiene von Theater Gegenstand zeigte am Dienstag (7. Mai) die Premiere von "Dornröschen am Bahnhof". In der Waggonhalle inszenierte das Lion-Theaterensemble seine experimentelle Produktion unter der Leitung von Mirjam Usbeck.
Mit Dornröschen erscheinen auch die Träume der Menschen am Bahnhof. "Was passiert während wir schlafen? Wo bleibt die Zeit, in der wir nicht wach sind? Warum ist nach hundert Jahren plötzlich alles anders? Und wohin sind wir eigentlich unterwegs?", das sind die Fragen, denen das Theaterstückes in seinen Bahnhofsszenen nachgeht.
Das Bühnenbild ist dem Schauplatz angemessen gestaltet. Eine graue Holzbank, ein Mülleimer, ein Bistro-Tisch mit zwei Stühlen. An Schnüren hängt der Fahrplan über der Bühne.
Die Handlung mit ihren Sprüngen zwischen Traum und Wirklichkeit ist sehr turbulent. Viele Szenen sind sehr witzig gestaltet. Etwa wenn der Straßensänger sich in Dornröschen verliebt. Mit Jeans, Rüschenhemd, Burger-King Krone und dem Handbuch für Prinzen ausstaffiert, küsst er Dornröschen wach. Ihre Hochzeit scheitert aber leider an der Einwilligung ihrer Eltern, die mit diesem Gammelprinz alles andere als einverstanden sind.
Die schauspielerische Leistung des Ensembles ist durchweg positiv. Manchmal ist die Handlung ein wenig skurril, allerdings paßt dieser Eindruck sehr gut zu den Träumen der Reisenden. Nur das Ende kommt etwas unvermittelt. Dornröschen wird der verschiedenen Charaktere um sich herum überdrüssig. Sie verwandelt sie in Aufziehpuppen, die alle nur noch "Ich bin Dornröschen. Ich bin eine Prinzessin" von sich geben.
Wer selber zum phantasievollen Träumen angeregt werden möchte, der kann sich das Theaterstück auch noch am Mittwoch (8. Mai) um 20.30 Uhr in der Waggonhalle ansehen.


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