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Text von Donnerstag, 16. Mai 2002


Ruhezonen: Entspannen in der Konsumgesellschaft

Marburg * (ChH)
Der Gang durch einen Supermarkt ist normalerweise alles andere als erholsam. Die Kunden schieben sich gegenseitig die Einkaufswagen in die Hacken. An der Wursttheke wird um den besten Platz gerangelt. Die Kassiererin wird aufgefordert sich doch etwas zu beeilen.
Stephanie Bachmann (32) möchte mit ihren Installationen unter dem Titel "watching views" das Verschwinden des Subjekts in dieser Konsumgesellschaft thematisieren. Darüber hinaus will die Künstlerin Ruhezonen in einer solchen Umgebung schaffen.
Am Donnerstag (16. Mai) stellte sie ihr Projekt vor. Den anwesenden Journalisten erklärte sie im tegut Vereinstreff im Erlenringcenter ihre Vorgehensweise. "Watching views" wird mit 5000 Euro vom Marburger Kulturfonds gefördert. Es ist das erste Vorhaben des Fonds, das in diesem Jahr umgesetzt wird.
"Ich sehe es gern, wenn die Kulturschaffenden zu den Menschen gehen und diesen ihre Kunst persönlich näherbringen", erklärte Bürgermeister Egon Vaupel. Das Projekt ist für ihn auch ein Mosaikstein der Aktion "Zeit für Marburg". Er überreichte Bachmann einen Glückscent, den er zufällig vor der Tür gefunden hatte und wünschte ihr damit viel Erfolg.
"Orte des Konsums sind spannend für die Installationen", gab Bachmann zur Wahl ihrer Ausstellungsorte - drei leerstehende Ladenlokale im Centrum, Tegut und Medimax - an. Bisher hat sie nur in Kassel ausgestellt. Im Erlenringcenter präsentiert sie eine Fotoserie, Video- und Klanginstallationen. So etwa die mehrstündige Videoaufnahme der Hände von Kassiererinnen. "Diese Aufnahme soll Gedankengänge auslösen. Die gekauften Produkte erzählen Geschichten ebenso wie die unterschiedlichen Hände", meint Bachmann.
Eine kleine Hommage an Aneliese Kühn ist eine Fotodokumentation ihres "Kramlädchens". Sie hatte vor der Ladentheke auch eine Art Ruhezone eingerichtet. Vorwiegend ältere Kundinnen konnten sich dort entspannen und mit der Besitzerin ein gemütliches Pläuschchen halten.
Die Installationen haben, so Bachmann einen imperativen Charakter "Komm zur Ruhe" fordern sie den Betrachter förmlich auf. Die Anonymität des Individuums soll das Tarnmodul mit Überwachungskamera auf der Brust und Monitor auf dem Rücken symbolisieren, das Bachmann extra für die Ausstellung konstruiert hat: "Der Brustpanzer ist eine zeitgenössische Form der Unsichtbarkeit". Der Mensch hinter einer solchen Verkleidung wird von den Menschen im Supermarkt nicht unbedingt wahrgenommen. Davon kann der Besucher sich durch einen Rundgang mit dem Gerät selber überzeugen.
Die Eröffnung findet Freitag (24. Mai) um 18 Uhr statt. Bis zum 27. Mai können sich die Besucher zu den Geschäftszeiten ein Bild von den Installationen machen.


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