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Text von Sonntag, 3. Februar 2002


Lebendige Antike: Neue Abgüsse alter Werke

Marburg * (FJH)
Auf der Piazza della Signoria (Bürgerschaftsplatz) in Florenz können die Touristen nur eine Kopie bewundern. Das von Michelangelo Buonarotti in Marmor gehmeißelte Original des David steht wohlverwahrt im benachbarten Museum. Der wohl bedeutendste Bildhauer der Renaissance orientierte sich bei seiner Arbeit an antiken Vorbildern, deren Lebendigkeit ihn zu seiner Arbeit inspirierte.
Kopien von rund 50 antiken Statuen umfasst die Abguss-Sammlung des Fachbereichs "Klassische Archäologie" der Philipps-Universität. Zwei Neuerwerbungen konnte Prof. Heide Froning am Sonntag (3. Februar) der Öffentlichkeit vorstellen.
In der Zeit zwischen 480 und 460 vor der christlichen Zeitrechnung entstand eine Statue des "Strategen" Themistokles. Er wurde um 520 geboren. 593 begann er, in Piräos einen neuen Hafen für seine Heimatstadt Athen auszubauen. Gleichzeitig baute er eine Flotte für Athen auf.
Durch eine List besiegte er 480 bei der Schlacht von Salamis die persische Flotte: Er übergab Athen kampflos den Persern, nachdem die Bevölkerung nach Salamis evakuiert war. Alle wehrfähigen Männer hatte er zur Flotte eingezogen.
als die Perser die Stadt leer vorfanden, segelten sie nach Salamis. In der engen Zufahrt zum dortigen Hafen waren ihre großen Kriegsschiffe aber mannövrierunfähig. Mit seinen wendigeren Schiffen konnte Themistokles die Perser dort schlagen.
Ehrgeiz, Hochmut und Verschwendungssucht brachten Themistokles aber schon bald Neid und Zorn seiner Zeitgenossen ein. 471 wurde er aus Athen verbannt, 465 gar zum tode verurteilt. So floh er schließlich an den persischen Hof, dem er als "Dynast" bis zu seinem Tod um das Jahr 459 diente.
Der Gips-Abguss zeigt den Kopf des Themistokles, der einst Teil einer stehenden Statue - wahrscheinlich aus Bronze - gewesen sein muss. In Ostia wurde ein - von Römern angefertigter - Gips-Abguss dieser Statue gefunden. Er wiederum wurde nun für die Marburger Abguss-Sammlung kopiert.
Erhalten ist nur mehr der Kopf und die Schulterpartie. Das Gesicht mit seinen eng beieinander stehenden, runden Augen, dem breiten, hervorstehenden Kinn und dem energischen Ausdruck zeigt vermutlich ein realistisches Portrait des Themistokles. Es ist damit die älteste bekannte Darstellung einer individuellen Persönlichkeit als Statue.
Um 450 herum entstand das zweite Portrait, dessen Abguss neu nach Marburg gelangt ist. Es zeigt den Dichter Homer. Da er beim Entstehen des Werks schon lange tot war, veranschaulicht das Portrait die Eigenschaften, die man dem Dichter der Odyssee und der Ilias zuschrieb. Blind soll er gewesen sein, so sagt man schon seit frühester Überlieferung über ihn.
Ertasten können - nicht nur blinde - Interessierte die Abgüsse leider nur selten, da die Sammlung im Ernst-von-Hülsen-Haus vor allem den Studierenden zur Ausbildung offensteht. Die Sammlung vermittelt indes ideale Vergleichsmöglichkeiten bekannter antiker Kunstwerke. Sie lassen den Kriegshelden Themistokles noch heute fast so lebendig erscheinen wie vor 2.470 Jahren.


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