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Text von Samstag, 16. Februar 2002


Gerichtsprozess: Das Wort als Waffe

Marburg * (fcs)
Zum zweitenmal hatte die Marburger Bevölkerung am Freitag (15. Februar) Gelegenheit, einem spektakulären Prozess zu folgen. Vor Gericht stand Martin L. Er solle die heilige Sache des Volkes verraten haben. Selbst sah er sich allerdings als unschuldig an. So musste das Gericht die Geschichte seines Falls erörtern.
"Der Fall Luther" von Karlheinz Komm war die zweite szenische Lesung der Reihe "Gerichtsprozesse" des Hessischen Landestheaters im Marburger Arbeitsgericht. Dessen Direktor Hans Gottlob Rühle trat wieder in der Rolle des Richters auf. Unparteiisch musste er über Dr. Martin Luther und seine Rolle im Bauernkrieg 1525 entscheiden.
Bei Szenen im Gerichtssaal und im Rückblick versuchten Martin Luther (Bernhard Hackmann) und seine Anklägerin (Christine Reinhardt), das Handeln Luthers zu veranschaulichen. Hackmann hob sich mit seiner Figur des Luther deutlich von den anderen Mitwirkenden ab. Alle trugen ihre Texte - einer Lesung entsprechend - überzeugend vor. Aber Bernhard Hackmann brachte so viel Leben in seine Darstellung, dass die Intentionen und Leidenschaften Luthers den Zuschauern anschaulich vor Augen traten. Als einziger hatte er ein Gewand an, das an das 16. Jahrhundert erinnerte.
Das Gericht zollte der Zeit Luthers dadurch Achtung, dass alle nicht die heute übliche Anrede "Sie" verwendeten, sondern das damals gebräuchliche "Ihr".
Vor Gericht machten Beklagter und Anklägerin deutlich, wie Martin Luther zu seinen 95 Thesen an der Kirchentür zu Wittenberg gekommen war. Damit solle sein Verrat begonnen haben.
Eigentlich hatte Martin Luther sich damit nur an die Gelehrtenwelt wenden wollen. Deshalb waren die Thesen auch in lateinischer Schrift verfasst. Aber einer seiner Studenten war so überzeugt von deren Inhalt, dass er sie übersetzte und verbreitete. Und Luther wusste davon , unternahm aber nichts dagegen. Für die Anklägerin war dies ein eindeutiges Indiz seiner Schuld.
Weiter ging es mit den Verstrickungen von Luthers Thesen und seiner Auslegung des Evangeliums in der Politik von Kirche und Staat. Immer wieder zeigten Szenen im Rückblick Martin Luther vor den Gerichten des Papstes und des Kaisers. Aber er widerrief seine Schriften nicht.
Dann wandten sich die Bauern mit ihren zwölf Artikeln an ihn. Diese zwölf Artikel sollten den Bauern mehr Freiheiten und weniger Steuern garantieren. Doch Luther stellte sich gegen die Bauern. In seinen Augen handelten sie nicht nach Gottes Gebot. Sie achteten die Obrigkeit nicht, wie Gott es selbst verlangte. Und sie wollten das weltliche Reich dem christlichen Reich gleichsetzen, was für Luther unmöglich war. Er gestand ein, dass die Situation der Bauern schlimm war. Ändern sollte sie aber Gott und nicht die Bauern selbst.
Für Luther gab es nur eine Waffe: das Wort. Das setzte er gegen die Bauern ein.
Als sich das Gericht zur Beratung zurückzog, gab es noch eine Szene mit Martin Luther und seiner Frau Katharina von Bora. Luther sprach über sein schönstes Werk: das Gesangbuch für die Kirche. Und was war darin sein liebstes Lied? Das Lied mit den wenigsten Worten!


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