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Text von Donnerstag, 31. Januar 2002


Nacht: Tod als einziger Ausweg

Marburg * (fcs)
Marschmusik, gebrüllte Befehle, das Klappern von Stiefeln auf dem Asphalt: Noch sind die kommenden Ereignisse lediglich Geräusche in der Welt draußen. Aber die Frau in der Küche macht sich Sorgen.
Helver kommt zur Tür herein. Er trägt Springerstiefel, aber das Barett und das rote Banner sind neu. Helver ist geistig behindert.
In deutscher Erstaufführung brachte das Theater GegenStand am Mittwoch (30. Januar) das Drama "Helvers Nacht" von Ingmar Villqist auf die Bühne. Mit viel Ausdruckskraft zeigen die beiden Akteure des Zwei-Mann-Stücks die Schwierigkeiten des Zusammenlebens mit einem geistig behinderten Menschen zur Zeit des aufkommenden Faschismus.
Helver war dabei, als "sie" dort draußen aufmarschiert sind. Stolz stand er neben den anderen und hat viel gelernt. Das will er seiner Ziehmutter nun zeigen. Er ist begeistert vom Soldatentum. Es scheint wie für ihn gemacht. Helver kann die Befehle verstehen und die Ausführung wird gelobt. Gilbert ist sein neuer Freund. Von ihm hat Helver alles gelernt und alles bekommen, später wird Gilbert ihn jagen.
Nisse Kreysing spielt Helver absolut überzeugend. Gestik, Mimik und Sprache sind die eines behinderten Menschen. Es gelingt ihm, Begeisterung, Angst und Unbeschwertheit deutlich zu machen. So spielt Helver sorglos mit seinen Spielzeugsoldaten und lauscht der tragischen Vergangenheit seiner Ziehmutter, als wäre das eine harmlose Geschichte. Marlene Harrach-Pfeiffer als Karla steht Nisse Kreysing in nichts nach. Sie ist die besorgte Mutter, die sich liebevoll um ihren Jungen kümmert, die aber auch überfordert ist und die Nerven verlieren kann. Beide leben voll in ihren Rollen und bringen sie so dem Publik näher.
Das Bühnenbild ist mit kleinen Details ausgestattet, aber nicht überladen. Es fängt die Atmosphäre einer gemütlichen Wohnküche ein, ohne der Phantasie der Zuschauer zu viel Arbeit abzunehmen.
Durch einfache Lichteffekte gewinnen manche Szenen deutlich an Spannung.
Wenn Karla von ihrer Vergangenheit erzählt, wird sie ins Licht gerückt und zeigt ihre Verzweiflung um so stärker. Ein Stromausfall und das damit verbundene reduzierte Licht geben dem Schluß eine besondere Atmosphäre. Der gute Leuchter auf dem Tisch verbreitet angenehmes Kerzenlicht. Aber es ist dunkel. Es ist Nacht, Helvers Nacht. Klara und Helver spielen mit den starken Medikamenten Helvers ein "Bilder-lege-Spiel". Die bunten Tabletten gefallen Helver. Gerne nimmt er sie ein, wenn Karla sie ihm zuschiebt. Für sie ist dies die einzige Rettung, die ihren Helver vor der Klinik, den dortigen Versuchen und seinem gewaltsamen Tod bewahren könnte, nachdem seine Flucht schon mißlungen ist.
"Helvers Nacht" ist noch am 1./2./3. Februar jeweils um 20.30 Uhr in der Waggonhalle zu sehen.


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