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Text von Sonntag, 19. Mai 2002


Kleinkariert: Wo bleibt der Pfingstgeist?

Marburg * (FJH)
Pfingsten - so sagt es die Bibel - sei jener Tag, da der "Heilige Geist" mit Brausen vom Himmel herab kam und die verängstigte Gemeinde ergriff. Darauf sei die Gemeinschaft beseelt ausgezogen, das Heil zu verkünden, und es habe keine Sprachgrenzen mehr gegeben.
Beschränkt verhalten sich dagegen manche Marburgerinnen und Marburger an den Pfingsttagen, da die Stadt nahezu menschenleer in der Sonne liegt.
Ein selbsternannter "Ordnungshüter" droht einer Radlerin, die ein Stück über den Gehsteig gefahren ist, mit der Polizei. Als gäbe es in der ganzen Stadt kein schlimmeres Verbrechen! Seine bullige Ehefrau mischt sich geifernd in die Szene mit ein. Argusäugig bewachen beide ein Stück Betonplatte gleich neben dem Radweg in der Wilhelmstraße. Sonst haben sie anscheinend nichts zu tun.
Eine Kassiererin am Portal der Elisabethkirche hat einer Hörfunkjournalistin jüngst verboten, mit ihrem Mikrofon die Akustik der gothischen Kathedrale einzufangen. Dazu benötige die Reporterin eine Genehmigung. Die hatte die Journalistin nicht, also gab es keine Töne aus der Kirche in der weltweit ausgestrahlten Rundfunksendung.
Kleingeister machen sich breit. Breitbeinig stellen sie sich vor andere und erheben ihre Stimme. Ordnung muss schlieálich sein!
Wehe, wenn ihre beschränkte Ordnung einmal ins Wanken gerät! Sie haben Angst vor der Freiheit und den Herausforderungen, die eine freiheitliche Gesellschaft für jeden bereit hält. Freiheit muss gelebt, erstritten und behauptet werden; vor allem aber muss sie respektiert werden. Denn - wie formulierte schon Rosa Luxemburg - "Freiheit ist immer auch die Freiheit des Anderen".
In der frühchristlichen Pfingstgemeinde muss die kleinkarierte Angst vor der Zukunft einer befreienden Weltoffenheit gewichen sein. Damals habe - so heißt es in der Bibel - jeder jeden verstanden, gleich, welche Sprache er gesprochen habe. Losgelöst von religiösen Motiven mag diese Stimmung gleichzeitig Einigkeit und Respekt vor unterschiedlichen Menschen ausdrücken. Derartige Verhaltensmuster könnten auch manchen Marburgerinnen und Marburgern ganz gut tun. Der eifrigen Hüterin des "guten Tons" in der Elisabethkirche sei angesichts ihres Pochens auf höhere Genehmigungen die Frage gestellt: Wo bleibt da der Pfingstgeist?


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